Häufige Fragen - und Antworten - zur Neutropenie
Protokollauszüge aus der Experten-Sprechstunde der med-netconsult mit Privat-Dozent Dr. med. Guido Kobbe, Universitätsklinikum Düsseldorf (www.experten-sprechstunde.de).
Was ist eigentlich genau eine Neutropenie. Ist da immer Fieber mit dabei?
Dr. Kobbe: Die Neutropenie ist eine Verminderung der neutrophilen Granoluzyten im Blut. Es handelt sich dabei um bestimmte Abwehrzellen, die vor allem Bakterien und Pilze gut bekämpfen können. Gesunde haben davon mehr als 2.000 pro Mikroliter Blut. Nach einer Chemotherapie kommt es oft dazu, dass diese Zellen unter einem Wert von 1.000 oder sogar 500 pro Mikroliter fallen. Deshalb besteht in dieser Situation eine erhöhte Infektionsgefahr. Nach einer gewissen Zeit steigen diese Zellen dann in der Regel wieder auf normale Werte an. Wenn während dieses Zelltiefs Fieber auftritt, ist das meist Zeichen einer Infektion und wird mit dem medizinischen Ausdruck neutropenes Fieber oder Fieber in der Neutropenie benannt.
Wie weit müssen die Granulozyten runtergehen, dass das als Neutropenie eingestuft wird?
Dr. Kobbe: In der medizinischen Klassifikation der Neutropenie spricht man von Grad IV (dies ist der höchste Schweregrad), wenn die neutrophilen Granulozyten unter 500 pro Mikroliter fallen. Eine leichtgradige Neutropenie liegt jedoch schon vor, wenn die Granulozyten unter 1.500 bzw. unter 1.000 pro Mikroliter fallen.
Ich sorge dafür, dass mein Mann jeden Tag Fieber misst, weil man uns gesagt hat, dass Fieber in Verbindung mit zu wenig weißen Blutkörperchen ganz gefährlich sei. Mein Mann hat ständig fallende Granu-Werte. Gegenwärtig sind die bei ca. 2500. Bekommt man dann automatisch Fieber, wenn das noch weiter runter geht?
Dr. Kobbe: Erniedrigte Granoluzyten erhöhen nur die Wahrscheinlichkeit für eine Infektion und Fieber ist dann ein Zeichen dafür, dass sich der Körper gegen Krankheitserreger wehrt. Das ist deshalb wichtig, weil die Fähigkeit des Körpers, sich gegen Infektionen zu wehren, eingeschränkt ist, wenn die Granulozyten erniedrigt sind. Deshalb ist es wichtig, dass man in dieser Situation früher Antibiotika gibt als bei gesunden Menschen.
Welche Bedeutung haben Granulozyten?
Dr. Kobbe: Granulozyten sind ein wichtiger Teil der Immunabwehr. Sie bekämpfen vor allem Pilze und Bakterien. Der Körper produziert täglich sehr viele dieser Zellen, weil die Lebensdauer eines Granulozyten nur einige Stunden beträgt. Wird nun die Bildung dieser Zellen durch eine Chemotherapie behindert oder unterbrochen, kommt es zu einem Mangel dieser Zellen im Blut und in den Organen. Dann können ansonsten harmlose Bakterien, wie z. B. Darm- oder Hautbakterien, schwere Infektionen verursachen.
Wie gefährlich ist eine Neutropenie?
Dr. Kobbe: Prinzipiell birgt eine Neutropenie immer eine erhöhte Infektionsgefahr. Es gibt jedoch viele Patienten, die eine Neutropenie völlig unbeschadet überstehen. Eine Neutropenie ist immer dann gefährlich, wenn sie sehr lange dauert. Oder zusätzliche Risikofaktoren für eine Infektion bestehen. Dies kann z. B. eine starke Schleimhautentzündung oder auch eine Behandlung mit Cortison oder anderen immunschwächenden Medikamenten sein. Eine Infektion, die während einer Neutropenie auftritt, sollte immer sehr ernst genommen werden, weil sie sich in kurzer Zeit im ganzen Körper ausbreiten und unter Umständen auch lebensgefährlich sein kann.
Die ersten beiden Zyklen 5FU hat meine Frau gut vertragen. Aber dann kam es Schlag auf Schlag mit den Nebenwirkungen. Jetzt hat meine Frau erst eine beginnende dann eine "ausgeprägte Neutropenie" in den letzten beiden Zyklen. Der nächste Zyklus soll deshalb erst mal verschoben werden. Das beunruhigt uns sehr und meine Frau will das auch nicht. Sie will voran und durchkommen damit. Alternativ, soll die Dosis verringert werden, was uns genau so viel Angst macht. Wir bitten um einen Vorschlag des Experten. Vielen dank für Ihre Mühe.
Dr. Kobbe: In gewissem Sinne zeigt die Stärke der Neutropenie auch die Wirkung der Chemotherapie im Körper an. Wenn es zu einer ausgeprägten Neutropenie gekommen ist, sollte dies bei der Planung der weiteren Chemotherapie berücksichtigt werden. Je nach dem, um welches Chemotherapieprotokoll es sich handelt, kann entweder eine Verschiebung des Zyklus oder eine Dosisreduktion sinnvoll sein. Zusätzlich kann nach der Chemotherapie G-CSF gegeben werden. Es ist nicht sinnvoll, trotz einer schweren Neutropenie unverändert weiter zu behandeln, weil es dadurch zu einer Gefährdung des Patienten kommen kann. Ich empfehle Ihnen deshalb, dem Rat Ihrer behandelnden Onkologen zu folgen, auch wenn es dadurch zu einer Verlängerung der geplanten Therapieintervalle kommen sollte. Es ist meiner Meinung nach nicht sinnvoll, eine Behandlung "übers Knie zu brechen" und damit möglicherweise den Patienten zu gefährden.
Kann die Neutropenie-Phase nach der Übertragung von Stammzellen durch Wachstumshormone verkürzt werden?
Dr. Kobbe: Sie meinen mit Ihrer Frage wahrscheinlich die schwere Neutropenie, die nach einer Hochdosis-Chemotherapie mit anschließender Rückgabe autologer Blutstammzellen verbunden ist. In dieser Situation kann die Gabe von G-CSF die Neutropenie-Phase um drei bis fünf Tage verkürzen und wird deshalb von den europäischen und amerikanischen Hämatologen-Verbänden empfohlen. Es konnte bisher nicht gezeigt werden, dass diese Maßnahme die Überlebenschancen der Patienten verbessert, aber es kam zu einer Reduktion der Fieberepisoden und des Auftretens schwerer Infektionen.
Ich hatte nach Brust-OP einen Zyklus von 6 Chemotherapien das war mit einer ganz schweren Zeit verbunden nicht nur wegen der Chemo, aber ich hatte ständig irgendwelche Infektionen. Dieses Mal kriege ich gleich Wachstumshormone für mein Immunsystem. Wie erträgt der Körper, eine Mischung aus allen möglichen Medikamenten? Wie finden die Stoffe den richtigen Weg um Heilung auf den Weg zu bringen?
Dr. Kobbe: Die Wachstumshormone werden mit dem Blutstrom im ganzen Körper verteilt und binden an spezielle Rezeptoren im Knochenmark. Dort führen sie zu einer Stimulation der Blutbildung. Dies ist ein Wirkmechanismus, wie er auch im normalen, gesunden Organismus besteht. Es ist z. B. mit der Gabe von Insulin vergleichbar. Bei der gleichzeitigen Verabreichung mehrerer Medikamente besteht natürlich prinzipiell die Möglichkeit, dass diese untereinander unerwünschte Wechselwirkungen haben. Damit dies nicht geschieht, wird Ihr behandelnder Onkologe die Medikamente sorgfältig auswählen und in ihren Nebenwirkungen aufeinander abstimmen.
Quelle: www.experten-sprechstunde.de
Auszüge aus einer Online-Sprechstunde mit
Dr. med. Guido Kobbe, Universitätsklinikum Düsseldorf